GmbH mit gebundenem Vermögen

Chancen neuer Unternehmenskonzepte wahrnehmen

Warum die Einführung eines neuen Unternehmensformats, der GmbH mit gebundenem Vermögen, gut für die deutsche Wirtschaft ist und den aktuellen Zeitgeist trifft.

Veröffentlicht am: 11.10.2023
Qualifikation: Corporate
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Auch die deutsche Wirtschaft untersteht einem Wanderungsdruck. An neuen Ansätzen und Ideen, um Unternehmen auf eine nachhaltigere und langfristig ausgerichtete Basis zu stellen, mangelt es hierzulande nicht. Eine dieser Ideen ist die Einführung der "GmbH mit gebundenem Vermögen" (GmbH-gebV), die derzeit in der Wirtschaft und Politik diskutiert wird. Dieser innovative Rechtsformvorschlag, initiiert von der Berliner Stiftung Verantwortungseigentum und unterstützt von namhaften Persönlichkeiten und Unternehmen, hat das Potenzial, die deutsche Wirtschaft auf positive Weise zu beeinflussen.

Ziel der langfristigen Unternehmensführung

Ein Hauptmerkmal der GmbH-gebV ist die feste Ausschüttungssperre, die vorsieht, dass jegliche Gewinnausschüttungen an die Gesellschafter verboten sind. Ja, richtig verstanden. Gewinne sollen auf ewig thesauriert werden. Diese Maßnahme zielt darauf ab, eine langfristige Unternehmensführung zu fördern. In einer Zeit, in der kurzfristige Gewinnmaximierung oft im Vordergrund steht, soll das neue Unternehmensformat eine Alternative darstellen. Gesellschafter werden ermutigt, langfristig in das Unternehmen zu investieren und eine enge Bindung zum Unternehmen aufzubauen. Dies führt zu einer nachhaltigeren Unternehmenskultur, die nicht nur von finanziellen Interessen geprägt ist.

Verantwortungseigentum statt Vermögenseigentum

Die Befürworter der GmbH-gebV wollen eine neue "Werte- und Fähigkeitenfamilie“ hinter dem neuen Unternehmen. Im Gegensatz dazu steht die traditionelle genetische Familie, die mit ihrer Gewinnausschüttungspraxis ihr Privatvermögen im Blick hat. Dies verdeutlicht den Fokus auf die langfristige Eigenständigkeit und Unternehmensverantwortung. Diese Änderung in der Unternehmensphilosophie bedeutet, dass die neuen Unternehmen in Verantwortungseigentum nicht mehr als Spekulationsgut betrachtet werden und vom Kapitalmarkt ein großes Stück entkoppelt werden.

Wirtschaftliche Flexibilität und Kosteneffizienz

Die GmbH-gebV soll auch eine kostengünstige und flexible Alternative zur unternehmensverbundenen Stiftung darstellen. Während Stiftungskonstruktionen zur Vermögensbindung bereits nach geltendem Recht möglich sind, werden sie oft als kompliziert und teuer empfunden. Die GmbH-gebV bietet eine praktikable Lösung, um Vermögen langfristig zu binden, ohne den administrativen Aufwand und die Kosten einer Stiftung.

Politisch umstritten

Der Vorschlag für die GmbH-gebV hat teils viel Anerkennung gefunden, wie im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vom 07.12.2021 festgehalten. Dort wird betont, dass moderne Unternehmenskultur neue Formen erfordert, darunter auch Gesellschaften mit gebundenem Vermögen. Allerdings sieht das Ministerium unseres Bundesfinanzministers das neue Konzept der GmbH im Verantwortungseigentum skeptisch. Ihm gefällt vor allem die langfristige Entkopplung vom Kapitalmarkt nicht und er sieht auch Probleme in der Corporate Governance.

Einen wichtigen politischen Rückenwind erhält das Konzept der GmbH-gebV aktuell von 22 namhaften Verbänden. Insbesondere schalten sich der BVMW, Verband deutscher Unternehmerinnen, Start-up-Verband und der Digitalverband BVDW in die wirtschaftspolitische Debatte ein.

Aus der Anwalts- und Praktikersicht

Insgesamt bietet die GmbH mit gebundenem Vermögen eine vielversprechende Möglichkeit, die deutsche Wirtschaft auf einen nachhaltigeren und langfristig orientierten Kurs zu bringen. Sie fördert die Idee des Verantwortungseigentums, bei dem Menschen langfristig in Unternehmen investieren und eine enge Bindung eingehen. Die Einführung dieser Rechtsform kann dazu beitragen, eine Unternehmenskultur zu schaffen, die nicht nur auf kurzfristigen Gewinnen basiert, sondern auf langfristigem Engagement und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Die Kritiker des neuen Konzepts blenden aus, dass es insbesondere im Mittelstand bei der Unternehmensnachfolge große Probleme gibt, wenn das Familienunternehmen nicht innerhalb der Familie weitergereicht werden kann. Oft versagt in der aktuellen Rechtslage auch eine Nachfolge zugunsten der Fremdgeschäftsführer, weil die Finanzierung nicht realisiert werden kann. Das Konzept der GmbH-gebV kann hier zum Unternehmenserhalt einen wichtigen Beitrag leisten. Auch innerhalb der Startup-Szene, bei der altruistische Unternehmenskonzepte hoch im Kurs stehen, gibt es ein großes Bedürfnis für einfache und sichere Lösungen des nachhaltigen Wirtschaftens. Die bestehenden Möglichkeiten einer Stiftung sind für die Startups viel zu komplex und zu teuer - in anderen Worten: Sie sind nicht realisierbar.