Gründerboom in Deutschland
Start-ups fehlt jedoch das Wachstumskapital
Rekordzahlen bei Neugründungen treffen auf Defizite bei der Skalierung im Mittelstand. Die deutsche Start-up-Szene feiert historische Gründungsrekorde, getrieben von Künstlicher Intelligenz. Doch beim Sprung zur Marktgröße stockt der Motor, da spätere Finanzierungsrunden stark von ausländischem Kapital abhängen und hiesige Geldquellen ungenutzt bleiben.
Rekordjahr für Neugründungen
Die deutsche Gründerlandschaft zeigt sich so dynamisch wie nie zuvor. Mit 3.568 neuen Start-ups verzeichnete das vergangene Jahr einen Zuwachs von 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit wurde selbst das bisherige Rekordjahr 2021 übertroffen. Besonders der Freistaat Bayern sticht als Wachstumsmotor heraus, wobei München bei den Pro-Kopf-Gründungen mittlerweile die Start-up-Metropole Berlin überholt hat.
Als wichtigster Treiber dieser Entwicklung erweist sich die Künstliche Intelligenz. Mehr als ein Viertel aller Neugründungen weist einen klaren KI-Bezug auf. Allerdings ist der Boom nicht nur von Euphorie getrieben. Die anhaltende Wirtschaftsflaute zwingt ebenfalls viele Menschen dazu, den Schritt in die Selbstständigkeit aus wirtschaftlicher Not heraus zu wagen. Vor allem die Branchen Gesundheit und Fintech stehen in der Gunst der Gründer ganz oben.
Dominanz ausländischen Kapitals
Der Erfolg in der Frühphase kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland ein massives Problem bei der Skalierung von Unternehmen hat. Sobald Start-ups die Anfangsphase hinter sich lassen und echtes Wachstumskapital für die zweite oder dritte Finanzierungsrunde benötigen, trocknet der heimische Markt aus. Deutsche Start-ups sammelten im ersten Quartal dieses Jahres zwar 1,7 Milliarden Euro Wagniskapital ein, doch die Herkunft dieser Mittel spricht eine deutliche Sprache.
Über drei Viertel des Kapitals stammen mittlerweile aus dem Ausland, wobei allein US-Investoren ein gutes Drittel der Summe beisteuern. Das birgt für den Wirtschaftsstandort erhebliche Risiken. Wenn die entscheidenden Impulse und das Kapital für Innovationen aus Übersee kommen, droht wertvolles Know-how und die spätere Wertschöpfung ins Ausland abzuwandern.
Politische Initiativen und blockierte Milliarden
Die Politik hat das Problem erkannt. Bundeskanzler Friedrich Merz betonte jüngst, dass die größten Defizite in der Wachstumsphase liegen und deutsche Unternehmen hierzulande skalieren müssen, statt auszuweichen. Ein Hoffnungsträger ist die sogenannte WIN-Initiative des Bundes. Dieses Bündnis soll dafür sorgen, dass bis zum Jahr 2030 rund zwölf Milliarden Euro von Versicherern und Pensionskassen in Venture Capital fließen.
Bislang ist davon jedoch erst ein Bruchteil mobilisiert. Während in den USA Pensionskassen seit Jahrzehnten erfolgreich in Innovationen investieren, liegt das Kapital in Deutschland sprichwörtlich brach. Experten fordern schon länger, die rund drei Billionen Euro, die auf deutschen Sparkonten liegen, steuerlich und rechtlich klüger für den Innovationsstandort nutzbar zu machen.
Praxistipp für Gründer zur Kapitalsuche
In unserer Beratungspraxis im Gesellschaftsrecht und bei M&A-Transaktionen sehen wir häufig, dass Gründer die rechtliche Komplexität internationaler Finanzierungsrunden unterschätzen. Wenn US-Investoren einsteigen, bringen diese meist ihre eigenen, sehr strikten Vertragswerke mit, die den Gründern weitreichende Mitspracherechte entziehen können.
Sichern Sie Ihr Unternehmen daher rechtzeitig ab. Schon in der Frühphase sollte die gesellschaftsrechtliche Struktur so aufgestellt werden, dass sie für spätere internationale Investoren attraktiv ist, ohne dass die Gründer die Kontrolle verlieren. Eine vorausschauende Gestaltung von Gesellschaftervereinbarungen und Investorenverträgen sichert das junge Lebenswerk, bevor das große Wachstum beginnt.
