US-Milliardäre verschenken unglaubliches KI-Vermögen

Effective Altruism mit effektivem Steuer-Kicker

Veröffentlicht am: 07.09.2026
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Das Wichtigste in Kürze

Mit dem bevorstehenden IPO von Anthropic steht CEO Amodei kurz davor, zu einem der reichsten Menschen der Welt zu werden. Er hat bereits jetzt persönliche Spenden versprochen, die bei 100 Milliarden US-Dollar und mehr ausfallen können.

Dr. Boris Jan Schiemzik Autor Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht, Fachanwalt für Steuerrechtschiemzik@rosepartner.de

Der KI-Boom hat in den vergangenen Jahren nicht nur die Bewertungen von Technologieunternehmen explodieren lassen, sondern erzeugt gerade eine neue, historisch beispiellose Welle privater Philanthropie. Wie The Economist berichtet, haben Gründer, Mitarbeitende und Investoren der führenden KI-Labore bereits schätzungsweise 430 Milliarden US-Dollar für wohltätige Zwecke zugesagt. Das Spendenvolumen entspricht ungefähr zwei "Marshall-Plänen". 

Auch für deutsche Unternehmer, Family Offices und deren Berater lohnt sich ein genauerer Blick auf die Ereignisse in den USA. Wir stehen am Anfang einer neuen Entwicklung in der Philanthropie, die auch von steuerlichen Faktoren, wie dem sogenannte Donor-Advised Fund (DAF) getrieben wird. Die strukturellen Fragen sind auch für die deutsche Stiftungspraxis interessant.

IPO von Anthropic & OpenAI 

Durch die angekündigten Börsengänge könnten Anthropic und OpenAI Bewertungen von über einer Billion US-Dollar erreichen. Diese IPOs schaffen praktisch über Nacht eine neue Kategorie extrem vermögender Privatpersonen. Bei den Gründern, Frühmitarbeitern und Business-Angels wird sich der Wert der Anteile an den KI-Titeln in kurzer Zeit vervielfacht haben. 

Dario Amodei und die übrigen Mitgründer von Anthropic haben bereits zugesagt, 80 % ihres Vermögens zu spenden. Schätzungen zufolge könnte daraus ein Spendenvolumen von bis zu 110 Milliarden US-Dollar entstehen. Bei OpenAI hält die OpenAI Foundation rund 26 Prozent der Unternehmensanteile und könnte damit potenziell 260 Milliarden US-Dollar für gemeinnützige Zwecke bereitstellen. 

Anders als frühere Philanthropen-Generationen wie Carnegie, Rockefeller oder Bill Gates & Co. der Internet-Ära handelt es sich bei den KI-Größen Dario Amodei und Sam Altman um Vermögen, das binnen weniger Jahre statt Jahrzehnte entstanden ist. Das prägt auch das Tempo und die Struktur ihrer Philanthropie.

Reichtumszuwachs im globalen Kontext

Der KI-getriebene Reichtumszuwachs ist dabei kein isoliertes Phänomen der Tech-Branche, sondern Teil eines größeren globalen Trends. Die aktuelle Forbes-Reichenliste zählt 3.428 Milliardäre weltweit, davon 171 mit Wohnsitz in Deutschland (Platz vier im internationalen Vergleich). Statistisch gesehen kam im vergangenen Jahr weltweit täglich mindestens ein neuer Milliardär hinzu. Das Vermögen dieser Gruppe wuchs 2025 um 2,5 Billionen US-Dollar auf den Rekordwert von 18,3 Billionen US-Dollar. Seit 2020 ist es laut Oxfam inflationsbereinigt um mehr als 80 Prozent gestiegen. Wenig überraschend ist der Haupttreiber des Vermögenszuwachses: der KI-Boom.

Vermögensforscher bewerten diese Entwicklung als großen Wandel. Die Verfügungsgewalt, die mit Vermögen in der Größenordnung eines Elon Musk oder Jeff Bezos verbunden ist, lässt selbst Multimillionäre wie Benachteiligte wirken. 

Für die ultrareichen "wahren Herrscher der Welt" stellt sich die Frage der Geldverwendung komplett anders dar als bei reichen Menschen. Materieller Luxus wird zur Nebensache, während sich der Blick auf größere, teils buchstäblich globale und kosmische Ambitionen richtet. Dieser Kontext erklärt auch, warum ein Teil der neuen Vermögen nicht in klassischen Konsum, sondern in ambitionierte philanthropische Projekte fließt. Gelöst werden sollen Pandemierisiken und "existenzielle Risiken" durch KI selbst.

Viele dieser superreichen Tech-Größen sind Anhänger der philosophisch-sozialen Bewegung Effective Altruism (EA). Diese zielt darauf ab, wohltätiges und ethisches Handeln möglichst evidenzbasiert und wirkungsmaximierend zu gestalten. Es erfolgen keine Spenden, die emotional wirken. Es geht den EA-Anhängern darum, pro eingesetztem Dollar den größten messbaren Nutzen zu ziehen (Malarianetze statt Konzertsäle mit Namen der Spender). Wichtig sind beim EA mathematische Quantifizierung, wie gerettetes Lebensjahr pro Dollar, sowie ein Fokus auf vernachlässigte, skalierbare Probleme.

Die steuerliche Seite: DAF

Für deutsche Leser dürfte der eigentlich interessanteste Aspekt der steuerliche Mechanismus hinter der amerikanischen Spendenwelle sein. Ein Donor-Advised Fund ist ein Konto bei einer Trägerorganisation, in das die Spender ihr Supervermögen, häufig Unternehmensanteile statt Bargeld, einzahlen. Zwei Effekte greifen dabei gleichzeitig:

Erstens entfällt bei der Übertragung von Aktien mit hohem unrealisiertem Wertzuwachs die Kapitalertragsteuer, die bei einem vorherigen Verkauf angefallen wäre. Zweitens lässt sich der volle Marktwert der Anteile als Spende steuerlich geltend machen. 

Der interessante Kniff liegt jedoch im Timing: Der Steuerabzug entsteht sofort im Jahr der Einzahlung unabhängig davon, wann das Geld tatsächlich an eine operative gemeinnützige Organisation ausgezahlt wird. Anders als bei "Private Foundations", die gesetzlich verpflichtet sind, jährlich etwa fünf Prozent ihres Vermögens auszuschütten, kennt der DAF keine Ausschüttungspflicht. Damit lässt sich der steuerliche Vorteil präzise in ein Jahr mit besonders hohem Einkommen legen, etwa das Jahr eines Börsengangs, während die tatsächliche Verwendung der Mittel beliebig aufgeschoben werden kann. Die Wirtschaftspresse schätzt das Volumen, das derzeit unangetastet in solchen DAFs "geparkt" ist, auf rund 326 Milliarden US-Dollar.

Der Vergleich zum deutschen Stiftungswesen

Wer nun ein deutsches Pendant zum DAF sucht, wird schnell auf die deutsche Zustiftung stoßen. In der Praxis wird sie zunehmend als "Stiftungsfonds" oder "Giving Fund" vermarktet. Der Spender erhält dabei ein Vorschlagsrecht zur Mittelverwendung, ohne selbst eine eigene Stiftung gründen zu müssen. Auf den ersten Blick ist sie strukturell vergleichbar mit dem amerikanischen Modell.

Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im Umgang mit dem eingebrachten Kapital. Während der DAF gerade keine Verpflichtung zum Kapitalerhalt kennt, fließt die deutsche Zustiftung zwingend in den Vermögensstock der Stiftung. Nur die daraus erzielten Kapitalerträge dürfen für die eigentliche Förderung verwendet werden. Das Grundstockvermögen selbst darf nicht angetastet werden. Eine zeitnahe Weiterverwendung der eingebrachten Mittel, wie sie beim DAF gerade den Charme ausmacht, ist bei der klassischen Zustiftung ausgeschlossen. 

Eine Annäherung an das amerikanische Modell bietet allein die sogenannte Verbrauchersstiftung, die ihr Kapital vollständig für den Satzungszweck aufzehren darf. Allerdings ist bei der Verbrauchsstiftung der Spendenabzug eingeschränkt. Einzahlungen, die 20 % der Einkünfte übersteigen, sind nicht absetzbar.

Das "Horten" von Kapital der DAFs wegen der fehlenden Ausschüttungspflicht wäre in Deutschland so nicht möglich. Indes "hortet" das deutsche Stiftungsrecht strukturell auf andere Weise. Dauerhafter und zweckgebundener Erhalt erfolgt über das deutsche Grundstockvermögen. Allerdings ist damit eine taktische zielgerichtete Verzögerung wie beim DAF nicht möglich.

Für deutsche Unternehmer und Erben, die eine Vermögensnachfolge mit philanthropischer Komponente planen, bedeutet das in der Praxis, dass mehr Verbindlichkeit abgefordert wird, aber weniger Flexibilität als beim amerikanischen Vorbild besteht. Dieser Aspekt muss bei der Wahl zwischen eigener Stiftung, Zustiftung und Verbrauchsstiftung sorgfältig gegen die eigenen Ziele abgewogen werden.